Freiheits- und Revolutionsgedichte

Auch wenn Gedichte in Mathilde Hitzfelds Leben wohl keine große Rolle gespielt haben (zumindest ist dazu nichts bekannt), soll an dieser Stelle als Ergänzung das eine oder andere allgemeine Freiheits-, Freischärler- und Revolutionsgedicht aus der 1832er- bzw. 1848er-Zeit aufgeführt werden.

Ein weiteres Gedicht aus dem Jahr 1850 als Nachruf auf die 17 gefallenen rheinhessischen Freischärler ist hier verlinkt. Als Autor ist jemand vom Heubergerhof genannt, mir ist der Name F. Weil nicht bekannt. Und als weitere Anmerkung: Auch wenn das Gedicht in heutiger Sicht eher seltsam und vielleicht auch ein wenig schwülstig klingt, so passte dieser Stil wohl gut in die damalige Zeit – aber gut, es soll keiner stilkritischen Zensur zum Opfer fallen, mag jeder sich selbst ein (Geschmacks)Urteil bilden.

Hier jetzt die bekannteren Gedichte:

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Autor unbekannt, später editiert von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Bürgerlied

Ob wir rothe, gelbe Kragen,
Hüte oder Helme tragen,
Stiefel oder Schuh’;
Oder, ob wir Röcke nähen,
Und zu Schuh’n die Fäden drehen –
Das thut nichts dazu.

Ob wir können decretiren,
Oder müssen Bogen schmieren
Ohne Rast und Ruh;
Ob wir just Collegia lesen,
Oder ob wir binden Besen –
Das thut nichts dazu.

Ob wir stolz zu Rosse reiten,
Ob zu Fuß wir fürbaß schreiten
Unsrem Ziele zu;
Ob uns vorne Kreuze schmücken,
Oder Kreuze hinten drücken –
Das thut nichts dazu.

Aber, ob wir Neues bauen,
Oder’s Alte nur verdauen
Wie das Gras die Kuh –
Ob wir für die Welt was schaffen,
Oder nur die Welt begaffen –
Das thut was dazu.

Ob im Kopf ist etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
Daß es brennt im Nu;
Oder, ob wir friedlich kauern,
Und versauern und verbauern –
Das thut was dazu.

Ob wir, wo es gilt, geschäftig
Großes, Edles wirken, kräftig
Immer greifen zu;
Oder ob wir schläfrig denken:
Gott wird’s schon im Schlafe schenken –
Das thut was dazu.

Drum ihr Bürger, drum ihr Brüder,
Alle eines Bundes Glieder,
Was auch jeder thu’ –
Alle, die dies Lied gesungen
So die Alten wie die Jungen –
Thun wir denn dazu.

Adalbert Harnisch

Trotz alledem! (1848)

Das war ′ ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
Nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
Trotz Wien, Berlin und alledem –

Ein schnöder scharfer Winterwind
Durchfröstelt uns trotz alledem!
Das ist der Wind der Reaktion
Mit Meltau, Reif und alledem!
Das ist die Bourgeoisie am Thron –
Der annoch steht, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Blutschuld, Trug und alledem –

Er steht noch und er hudelt uns
Wie früher fast, trotz alledem!

Die Waffen, die der Sieg uns gab,
Der Sieg des Rechts trotz alledem,
Die nimmt man sacht uns wieder ab,
Samt Kraut und Lot und alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Parlament und alledem –
Wir werden unsre Büchsen los,
Soldatenwild trotz alledem!

Doch sind wir frisch und wohlgemut,
Und zagen nicht trotz alledem!
In tiefer Brust des Zornes Glut,
Die hält uns warm trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Es gilt uns gleich trotz alledem!

Wir schütteln uns: Ein garst′ ger Wind,
Doch weiter nichts trotz alledem!
Denn ob der Reichstag sich blamiert
Professorhaft, trotz alledem!
Und ob der Teufel reagiert
Mit Huf und Horn und alledem –
Trotz alledem und alledem,
Trotz Dummheit, List und alledem,

Wir wissen doch: die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!
So füllt denn nur der Mörser Schlund
Mit Eisen, Blei und alledem:
Wir halten aus auf unserm Grund,
Wir wanken nicht trotz alledem!
Trotz alledem und alledem!

Und macht ihr′ s gar, trotz alledem,
Wie zu Neapel jener Schuft:
Das hilft erst recht, trotz alledem!
Nur, was zerfällt, vertretet ihr!
Seid Kasten nur, trotz alledem!
Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
Sind ewig drum, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem:

So kommt denn an, trotz alledem!
Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht –
Unser die Welt trotz alledem!

Ferdinand Freiligrath

Ferdinand Freiligrath (Urheber: Johann Peter Hasenclever)

Der Freischärler

Da schläft ein braver Geselle,
Der wacht nicht auf so bald!
Er schläft in seinen Waffen,
Im Freisoldatenkleid,
An Brust und Stirne klaffen
Ihm Todeswunden weit.
Er schläft an einer Eiche
In ihren Wurzeln warm,
Es hält der Baum die Leiche
Wie einen Sohn im Arm.
Sein Schwert, sein ́ brave Klinge,
Ist auf sein Grab gesteckt,
Das Efeu es umschlinge,
Und Immergrün bedeckt,
Und junge wilde Rosen
Und Waldvergißmeinnicht,
Das für den Namenlosen
Um eine Thräne spricht!
Ihm ein Gebet im Stillen!
Und ungestört Asyl,
Der um der Freiheit willen
Gestochen hat und fiel.

Friedrich Stoltze

Johann Heinrich Schulz (Verleger), „Begnadet zu Pulver und Blei 1849.” (hingerichteter Revolutionär) (aus der Serie „Trost für 1849”), 1850, Wien Museum Inv.-Nr. 87916/5, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/759/)

Möglicherweise (aber das ist nicht ganz klar) stammt das Bild von Theodor Kaufmann, Mathilde Hitzfelds Ehemann.

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